Nouvelles 2005

Brief aus Grandchamp 2005

Gemeinschaft und Anderssein

Einander begegnen...

Am Abend des 16. August tat sich vor Frère Roger die Ewigkeit Gottes auf. Die Nachricht von seinem brutalen Tod hat uns erschüttert und ist ebenso unbegreiflich wie das Sterben anderer Märtyrer unserer Zeit. Wir verdanken ihm unendlich viel für unsere Berufung als Schwestern von Grandchamp. Sein Lebenszeugnis erhält jetzt noch mehr Leuchtkraft. Er wollte für alle dasein, und oft zitierte er die Worte Isaak des Syrers: «Gott kann nur seine Liebe schenken.» Bis in den Tod wird er ein Zeuge des grenzenlosen Mitleidens Gottes mit der Welt und für jeden Menschen ohne Ausnahme gewesen sein, Zeuge einer ungeschützten Liebe, eines um Christi und des Evangeliums willen hingegebenen Lebens. «Jesus ist nicht gekommen, irgendjemanden zu verurteilen, sondern um den Menschen Wege zur Gemeinschaft zu eröffnen», wie er in seinem letzten Brief «Eine Zukunft des Friedens» schrieb.

Gott ist Gemeinschaft, Beziehung. Und der Mensch, nach seinem Ebenbild und ihm ähnlich geschaffen, gedeiht nur in Beziehung, nur da blüht sein

Leben auf. Wir brauchen einander, um zu werden, was wir zutiefst sind, Menschen der Gemeinschaft, verschieden und doch einander verbunden. Also geht es darum, dass wir lernen zusammenzuleben… Liegt darin nicht heute eine der grossen Herausforderungen für unsere kosmopolitischen, multikulturellen und von Gewalt geprägten Gesellschaften, damit die Welt etwas menschlicher werde?

«Jesus ist gekommen, um den Menschen Wege zur Gemeinschaft zu eröffnen»

Frère Roger

Wir sind heutzutage zunehmend mit dem Anderssein der anderen konfrontiert, anders nach Herkunft, Kultur, Weltanschauung und Glaubensweise. Wie können wir die Verschiedenheit leben, ohne dass die Unterschiede zu Spaltungen, Ausgrenzungen oder Machtmissbrauch führen?

Eine religiöse Gemeinschaft kommt um diese Herausforderung nicht herum. Genau da trifft uns Gottes Ruf, ein Gleichnis der Gemeinschaft zu leben, die Unterschiede anzunehmen, anstatt sie zu übergehen oder sie in einer Illusion von Einheit aufzuheben. So versuchen wir, sowohl der einzelnen Schwester als auch dem Leib, den wir gemeinsam bilden,gerecht zu werden, indem wir «Gemeinschaft und Anderssein» – das Thema unseres letzten Schwesternrats – ins Gespräch miteinander bringen. «Rabbi, warum sind die Menschen verschieden?», wurde ein Weiser gefragt. Und der antwortete: «Weil sie alle nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind».

An uns ist es, uns der Sicht zu öffnen, die im anderen einen Widerschein Gottes erkennt. Uns der Quelle zuwenden, um unsere Vielfalt als einen Reichtum, Ausdruck der schöpferischen Weisheit Gottes, zu erkennen. In der Retraite beim Schwesternrat lud Frère François uns ein zu danken:für uns selbst, für die anderen, für die Gemeinschaft und einander als Geschenk aus Gottes Hand zu empfangen.

Im Alltag bleibt das allerdings eine echte Herausforderung. In jeder unserer Lebensgeschichten gibt es Verletzungen, und das Anderssein zieht uns zwar an, macht uns jedoch auch Angst. Die anderen können als Bedrohung empfunden werden, weil sich auf dem Grunde unseres Selbst die Angst abzeichnet, nicht mehr zu existieren. Wir sind dann versucht, uns zurückzuziehen oder im Gegenteil zu dominieren und uns dabei auf die Unterschiede zu berufen, um uns abzugrenzen. Es fällt uns schwer, die Unterschiede zu akzeptieren. Sie stören und irritieren uns, sie erschüttern uns in unseren Gewissheiten und in unserer Art, zu handeln und zu denken.

Weil wir versucht sind, nach dem Gleichen zu streben, müssen wir immer neu lernen, miteinander zu reden, uns in unserem Anderssein anzuhören, voneinander zu empfangen, uns gegenseitig zu achten und mehr noch, einander in unserem Anderssein zu lieben. Mitten in den Schwierigkeiten sind wir immer neu gerufen, über Missverständnisse und Gegensätze hinauszuwachsen, um uns jenseits davon auf die Hingabe unserer selbst zuzubewegen, die uns auf wirkliche Begegnung vorbereitet. Wie gelangen wir zu wahrer menschlicher Gemeinschaft, fragt sich E. Leclerc in «Sonnenaufgang über Assisi». Der Hl. Franziskus enthüllt ihm sein Geheimnis: Demut, unbegrenzte Achtung vor einem jeden Lebewesen in seiner Einzigartigkeit, vor allem Leben und vor der ganzen Schöpfung. Man kann nicht den anderen offen begegnen und zugleich die Natur beherrschen, sondern es geht darum, mit allem, was ist, Freundschaft zu schliessen.

In Gott sind Hoffung und Gemeinschaft, die der Heilige Geist in einer Vielfalt von Gesichtern und Gaben entfaltet. Jesus hat uns durch sein Leben, sein Sterben und seine Auferweckung den Weg dazu geöffnet. Auf Verachtung, Hass und Gewalt hat er mit Liebe geantwortet. Tag für Tag lädt er uns ein, seinen Spuren zu folgen, in das Leiden einzuwilligen, das unvermeidlich zu unserem Dasein dazugehört, um dadurch mit ihm zum Leben vorzustossen. Er geht uns voraus im österlichen Licht und sendet uns in der Kraft und Behutsamkeit des Heiligen Geistes als Schwestern und Brüder in die Begegnung mit den anderen, mit all’den anderen, in denen er selbst uns erwartet.

s. Pierrette


Beim ersten Gemeinschaftstreffen Anfang des Jahres hat uns ein wichtiges Thema beschäftigt:

Christlicher Glaube angesichts der Herausforderungen unserer Zeit

Im Anschluss an dieses Treffen hier einige Gedanken von Sr Christianne, die in WOUDSEND ihre schriftstellerische Arbeit fortsetzt und mit Maria de Groot weiterhin Gruppen empfängt:

«Der Neoliberalismus und die Globalisierung, die unser Zeitalter bestimmen, haben Auswirkungen auf den Menschen. Karikiert ausgedrückt könnte man sagen, dass wir in einem globalen Apartheidssystem leben. Diese Situation bewirkt Traumata auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Verlierer des Systems, die immer ärmer werden, erleben, wie die «Gewinner» ihre Herrschaft ausweiten und immer reicher werden. Unterdessen wird die Mittelklasse durch die Angst, zu verlieren und ihrerseits zu verarmen, immer ehrgeiziger und individualistischer.Ausländer, Ausländerinnen, Arbeitslose, Flüchtlinge, Menschen ohne festen Wohnsitz, sie alle werden in dieser Welt zu Sündenböcken.

Man kann sich der Situation gegenüber ohnmächtig fühlen, doch nichts hindert uns daran, an den Traumata zu arbeiten. Ein möglicher Weg kann sein, einer mystischen Sicht Gottes und einer biblischen Sicht des Menschen neues Gewicht zu verleihen. Der Gott, den wir bekennen, hat sich auf einen Bundesschluss mit uns eingelassen, d.h. auf die «Unmöglichkeit der Gleichgültigkeit». Gott hat sich frei dazu entschieden, uns nötig zu haben. Sein «Mit-Sein» mit der Schöpfung findet im Anteilnehmen an der Welt in unserem Alltag seinen Ausdruck. Als Moses ihn bedrängte zu sagen, wer er sei, antwortete er: « Ich werde sein, der ich sein werde», was bedeuten kann: ich erfinde mich in jeder Begegnung der Situation und den Bedürfnissen meiner Geschöpfe entsprechend neu. Gott schlägt sich von vornherein auf die Seite der Heimatlosen, seine Identität ist die eines Umherziehenden! In dieser Partnerschaft ist es Aufgabe auch des Menschen, durch sein «Mit-Sein» zur messianischen Zeit beizutragen und im absolutem Respekt vor den Unterschieden Neues zu schaffen, ohne jemals zu vergessen, dass die anderen wirklich anders sind, und dass das gut so ist!

Im Klima des Neoliberalismus wird der Mensch letztlich zur Sache gemacht. Innerhalb der Pyramide der Macht wird der Mensch von oben herab beherrscht und in eine immer materialistischere Welt eingezwängt. Dazu gehören: Individualismus, Nützlichkeitsdenken, Rationalismus, Bürokratie, Technokratie… und nicht zu vergessen Hetze, Gewalt, Stress, Missachtung der anderen und die sich ausbreitende Angst. Angesichts dieser Feststellung benötigen wir eine Alternative, einen Ort für Dialog und schöpferische Spannung. Vor allem kommt es darauf an, den Menschen wieder an seinen rechten Platz zu stellen, mit der Aufgabe, über seine Umwelt zu wachen und zu ihrer Entwicklung im Sinne der Menschlichkeit beizutragen, aus ihr eine für alle ohne Ausnahme bewohnbare Welt zu machen, in der Gerechtigkeit und Friedenherrschen.

In einer solchen Perspektive können wir Christen als Menschen des Gebets, des Engagements und des Widerstands betrachten. Bevor sie agieren, werden sie innehalten, um die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, wie auch die der anderen, besser zu erkennen. Der Macht gegenüber, die sie selbst auf andere ausüben, werden sie wachsam sein, sie werden anderen Raum geben, und sie werden Leistung und Fruchtbarkeit ohne Furcht miteinander verbinden. Als aufrechte Menschen sind sie Gott und auch den anderen ein echtes Gegenüber. Sie bemühen sich um Beziehungen ohne Machtgefälle, respektieren die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, von allen Rassen und Religionen. Bei der Arbeit, in der Familie und im Umgang mit der Natur handeln sie mit Mass und Achtung. Sie schämen sich nicht, sich gegen die Angst zu schützen, stiften Vertrauen, wo Misstrauen herrscht, Teilen anstelle von Individualismus, Einbezogensein statt Ausgrenzung und Kooperation anstelle von Wettkampf. Und angesichts der zunehmenden Armut werden sie einen Geist der Gemeinschaft und Netzwerke der Solidarität entwickeln. So entsteht ein Geist des Widerstands, der Menschen vereint, die für Veränderungen und ein Erneuern des Lebens bereit sind. Sie werden entschlossen alternative Wege einschlagen und Erstaunen, Freude, Einfachheit, Dialog und Mitleiden neu für sich entdecken. Und indem sie sich bemühen, das Warum und das Wie dessen zu verstehen, was das heutige Zeitalter bestimmt, werden sie erfahren, dass Denken und Lieben zusammengehören.

Dadurch werden sie sich in dieser Welt wieder mehr zuhause fühlen und sich auch an ihr freuen und sogar das Bedürfnis verspüren, sie zu verschönern. Wir brauchen Sympathie für diese Welt, denn sie ist das einzige, was wir alle gemeinsam haben. Unsere Welt lieben und sie gern mit den anderen teilen.»


Als Echo auf unser Treffen im Februar hier Auszüge aus einem in der ersten Ausgabe der neuen Zeitschrift für Anthropologie und Spiritualität La Chair et le Souffle erschienenen Artikel von M ichel-Maxime Egger :

Unsere Sehnsucht neu ausrichten, um die Welt zu verändern

Die Menschheit befindet sich an einem Scheideweg. Eine tiefgreifende Antwort auf die grossen Herausforderungen unserer von der globalisierten Marktwirtschaft geprägten Zeit setzt ein Erwachen des Bewusstseins voraus. Wir brauchen ein neues Menschen- und Weltbild, ein Zusammenspiel von persönlicher Veränderung und Umwandlung der Welt. Einer der Berührungspunkte zwischen beiden ist das Verlangen. Dieses muss für den Widerstand gegen die Vorherrschaft des Geldes eine neue Ausrichtung bekommen.

Für die Kirchenväter […] ist der Mensch von Grund auf ein Wesen der Sehnsucht. Neben der Freiheit und der Schaffenskraft ist die Sehnsucht eine wesentliche Komponente des Bildes Gottes im Menschen. […] Das bedeutet, dass es im Tiefsten unseres Wesens eine verlangende Kraft gibt, welche die Quelle unseres Sehnens nach der Transzendenz und nach dem Göttlichen ist. Sie lässt uns nach dem streben, was uns übersteigt, nach dem Schönen und Guten, nach Harmonie und nach einer gerechteren und solidarischeren Welt. Die Kirchenväter gehen sogar so weit zu behaupten, dass sich hinter jedem Verlangen, auch dem scheinbar nur materiellen, in Wirklichkeit ein unklares, oft nicht bewusstes Sehnen nach Gott verbirgt, in dem sich wiederum die Sehnsucht Gottes nach uns spiegelt. Deshalb sind unsere Wünsche von Natur aus unendlich und unersättlich. Sie mit materiellen oder sonstigen Gütern befriedigen oder durch psychische Befriedigungen stillen zu wollen, ist nicht nur illusorisch, sondern bewirkt auch, dass wir die ihnen zugrundeliegende Energie in Leidenschaften umlenken und Gefahr laufen, zu deren Gefangenen zu werden […]

Das alles haben die Meister des Marketings begriffen, auch ohne die Kirchenväter studiert zu haben. Wenn der Markt, wie es Maurice Bellet formuliert, das Allerheiligste des «Öko-Reiches» ist, des Reiches der Ökonomie, und das Geld sein Sesam-öffne-dich, dann ist sein Motor - die berühmte «unsichtbare Hand» von Adam Smith - nichts anderes als das zunehmende «Lust-Verlangen». Darauf beruht alles: auf der Lust zu erwerben und zu besitzen.[…] Daher die enorme Faszination des Geldes, welches Genuss, Befriedigung und Machtverspricht, sowie die Aufhebung der Grenzen für das Verlangen. Grenzenloses Mittel für grenzenlose Wünsche. Es verschafft das Vergnügen, alles, ja sogar Menschen, kaufen zu können, und das auch auf den ehrbaren Wegen von Grosszügigkeit und Leistung.

So ist das Lust-Verlangen die zur Leidenschaft degradierte Sehnsucht, deren Energie durch die Werbung in ihrer ursprünglichen Zielsetzung und Ausrichtung irregeleitet ist. Die Werbung, der eigentliche Motor unserer Wachstumswirtschaft, dient zu nichts anderem als dazu, unsere Wünsche in Begierden umzuwandeln, die den brutalen Zwang des «ich will das, und zwar sofort» ausüben. Sie lässt uns jene für Bedürfnisse halten und passt sie so völlig an die Logik des Marktes an. […] Die Werbung ist eine grossartige Maschinerie zur dauernden Anregung von Lust und Frust, die sich gegenseitig verstärken. Und sie stiftet eine unbeschreibliche Verwirrung zwischen Bedürfnissen und Wünschen. […]

Die USA und die Länder der  Europäischen Union geben jährlich mehr als 500 Milliarden Dollar für Werbung aus. Zehnmal so viel wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge benötigt würde, um die Grundbedürfnisse (Bildung, Ernährung, Zugang zum Wasser…) für alle Menschen befriedigen zu können. Die Zahl spricht für sich. Sie illustriert den Ausspruch Gandhis: «Es gibt auf unserem Planeten genügend Mittel, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen, nicht jedoch für die Begehrlichkeit und das Besitzstreben aller.» Anders ausgedrückt, die Armut in der Welt ist in Wirklichkeit nicht ein Problem des Mangels an finanziellen oder materiellen Mitteln, sondern die Folge einer künstlichen Knappheit, die mit der schlechten Verteilung der Ressourcen zusammenhängt. Das liegt nicht nur an politischen Optionen und Strategien der Umverteilung auf nationaler und internationaler Ebene, sondern auch am Konsumverhalten und individuellen Lebensstil, also letztlich daran, wie wir mit unseren Wünschen umgehen.

Was wird im «Öko-Reich» aus der Kraft unseres Verlangens? Wie gehen wir damit um? Es ist kein unabwendbares Schicksal, dass Sehnsucht zu Begierde und Leidenschaft verkommt, denn als Menschen haben wir die Freiheit und den Willen zu einem sinnvollen Umgang mit unseren Wünschen, indem wir uns dem Wirken der Gnade öffnen. Genau da wird sich Wesentliches für den Widerstand gegen die «Öko-Herrschaft» und die erpresserische Rolle der Werbung abspielen. […]

Verstehen wir uns recht! Es geht nicht darum, unsere Wünsche zu verdrängen oder zu unterdrücken, sondern sie umzuwandeln, ja, sie wieder zu sammeln und sie von dem zu befreien, was sie gefangen und zerstreut hält. Ziel ist, sie wieder mit ihrer ursprünglichen Quelle in Verbindung zu bringen und auf ihre tiefste Bestimmung hin auszurichten, wo sie sich Gottes Absicht gemäss entfalten können. Das Problem liegt in Wirklichkeit nicht darin, dass wir zu viel wünschen, sondern dass wir falsch wünschen, weil wir das «Viel-Haben» für die «Fülle des Seins» halten.


Tag für Tag…

Verschiedenheit und Gemeinsamkeit, Gemeinschaft und Anderssein im Alltag leben, in jeder kleinen Begegnung mit den Allernächsten, mit der Schwester neben mir, mit allen unseren Brüdern und Schwestern… Ja, die Herausforderung ist gross und spannend, und sie erspart uns weder Spannungen, noch gelegentliche Konflikte und Leiden… Den anderen oder die andere, mit denen ich die Zerbrechlichkeit und Schönheit des Menschseins teile, in ihrem Anderssein annehmen undmich in die Begegnung rufen lassen…

Unser Gemeinschaftstreffen im Februar war überschattet durch die Leiden, die der Tsunami mit sich gebracht hatte, und zugleich waren wir berührt von der durch ihn ausgelösten grossen Solidarität. Durch drei Vorträge bereicherten uns Ulrich Duchrow, der – ausgehend von Hesekiel 2,1 «Du Menschenkind, steh’ auf!» und von den ersten Kapiteln des Buches Genesis – seine Überlegungen in Bezug auf die Globalisierung mit uns teilte, Maxime Egger mit einem Referat über «Persönliche Veränderung und Umwandlung der Welt» und Sr Siong mit einem sehr persönlichen Vortrag über «Die Herausforderungen des Multikulturellen und -religiösen angesichts der Globalisierung».

Unser Schwesternrat im Sommer war eine intensive Zeit von Retraite, Austausch und Feiern…: mit der Feier der Profess von Sr Hannah, mit den 50 Jahren Profess von Sr Renée und Sr Albertine, – den ersten Schwestern, die dieses schöne Jubiläum erreicht haben – und am 6. August im Licht des Verklärungsfestes mit der 50-Jahrfeier unserer Präsenz in Algerien, zu der wir langjährige Freunde eingeladen hatten: Nelly Forget, Jacqueline und Ali Tadjer, Eliette Rodriguez, Miassa, Lallia… Sr Renée und Sr Anne-Geneviève sind Anfang September nach ALGIER zurückgekehrt, um in diesem vom Islam geprägten Umfeld ihre ganz schlichte Präsenz in einem Alltag wieder aufzunehmen, der in sehr unterschiedlichen Begegnungen besteht, wo es darum geht, das Geheimnis der anderen zu entdecken. Sr Pierrette konnte dies bei ihrem Aufenthalt dort im Frühjahr unmittelbar erleben.

Einander annehmen in gegenseitiger Achtung vor dem Geheimnis des anderen, darum geht es auch für die Schwestern in STE ELISABETH in Israel. Dorthin ist Sr Maatje nach einem Jahr in Grandchamp mit Sr Claire- rène zurückgekehrt und für ein paar Monate auch Sr Françoise. Die Ereignisse im Land prägen sie sehr. Sie brauchen ein armes und verwundbares Herz, um inmitten von Ungewissheit, Unsicherheit und Gewalt in der Fürbitte für beide Völker durchzuhalten. Der Tod von Père Jean-Baptiste von Abu Gosh hat sie und uns erschüttert. Er hinterlässt eine grosse Lücke in seiner Gemeinschaft, in der Kirche von Jerusalem und in unseren Herzen. Er war uns ein Bruder und hat etliche von uns auf ihrem Weg begleitet.

Viel Veränderung auch auf dem SONNENHOF! Sr Thérèse ist nach Grandchamp zurückgekehrt und hat die Leitung des Hauses an Sr Dorothea abgegeben, die von der aus Israel zurückgekehrten Sr Hiltje unterstützt wird! Auch Sr Ruth ist wieder in Grandchamp, während sich Sr Miriam der Gruppe auf dem Sonnenhof angeschlossen hat. Das Jubiläum von 2004 wirkt noch nach, und bei aller Bewegung gibt es zugleich eine Kontinuität und eine Vertiefung in der Berufung.

Von CHALENCON und der Ardèche nahmen wir dankbar und schweren Herzens Ende April Abschied. Vertreter der Reformierten Kirche Frankreichs, zahlreiche Freundinnen, Freunde und Nachbarn kamen, um ihre Dankbarkeit, ihre Freundschaft und auch ihr Bedauern auszusprechen. Eine starke Verindung bleibt auch mit Rompon. An diesem Ort der Musik und Spiritualität gab Jeanne Bovet im Herbst das letzte Konzert der Saison, an dem sich Sr Pierrette erfreuen konnte. Unser Weggehen vom «Home de Grâce» fällt uns jedoch ebenso schwer wie die Tatsache, dass wir momentan auch andere Anfragen für Niederlassungen nicht positiv beantworten können. Wir möchten versuchen, unsere jetzige Realität anzunehmen und uns darin für das Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen, auch in der Suche nach neuen Formen des Austauschs.

So konnten wir immerhin die Einladung der lutherischen Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter annehmen, in Ratzeburg eine einwöchige Retraite zu halten. Sr Christel hat diese Retraite begleitet, an der etwa 20 Pfarrerinnen und Pfarrer teilnahmen. Sr Minke und Sr Pierrette sind im Laufe der Woche dazugestossen. Eine bereichernde Erfahrung, die im kommenden Jahr eine Fortsetzung finden soll!

Von den vielen Aufträgen und Begegnungen hier ein paar Beispiele: Sr Dorothea hat an einem internationalen konfessionsübergreifenden Kongress von Ordensleuten bei den Diakonissen in Riehen teilgenommen, Sr Maatje an der Begegnung von Church and Peace in Selbitz, Sr Pascale an einem französischen Kommunitätentreffen in Pomeyrol und Sr Françoise an verschiedenen Begegnungen zum interreligiösen Dialog. Sr Hélène unterstützte erneut eine Woche lang beim europäischen Parlament in Brüssel eine ökumenische Gebetspräsenz, und Sr Minke hielt Vorträge und Retraiten in Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

In unseren Kontakten mit den verschiedensten Gemeinschaften erfreuen wir uns immer neu an der starken Verbundenheit und grossen Vielfalt. Zahlreiche Kleine Schwestern Jesu aus verschiedenen Fraternitäten waren für kürzere oder längere Zeit bei uns: Für mehrere Wochen Kl. Sr Bushra aus Beit Jala, Kl. Sr Virginia aus Algerien und Kl. Sr Juana aus Spanien, die sehr hofft, dass einmal eine Grandchampschwester nach Spanien kommt und das Gebet und die Arbeit bei der Spargelernte mit ihnen teilt. Dass wir einander brauchen, das erleben wir immer mehr auch mit den kontemplativen Gemeinschaften der Französichen Schweiz. So gab es einen gemeinsamen Tag der für Liturgie und Gesang zuständigen Schwestern, einen anderen für diejenigen, denen der Gästeempfang anvertraut ist, und einen weiteren zur Lectio Divina. Nicht zu vergessen die schöne 750-Jahrfeier der Abtei «La Maigrauge», einen Tag nach der Wahl von Benedikt XVI. Über dieses Ereignis konnten wir uns kurze Zeit darauf bei einer bereichernden und offenen Begegnung mit dem Bischofsvikar Jean-Jacques Martin von Neuchâtel austauschen.

Enge Beziehungen pflegen wir weiterhin zu den Schwestern von Mamre in Madagaskar. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt von Sr Josephinewar im Sommer auch noch Sr Angéline bei uns. Pfarrer Jean- Louis L'Eplattenier verbrachte erneut eine Zeit in Mamre, und Sr Siong konnte drei der Schwestern in ihrer Retraite zur Vorbereitung auf die Profess begleiten und dann im November bei der Feier zu diesem Anlass die Freude der Gemeinschaft teilen.

Der Gästeempfang beansprucht uns sehr und öffnet uns zugleich für ganz unerwartete Begegnungen. Mit immer neuem Staunen entdecken wir, wie andere ihre Beziehung zu Gott leben und auf welche Weise Gott ihnen begegnet. Im Laufe der Monate konnten wir uns einerseits an vielen neuen Gesichtern und andererseits an der Treue und Freundschaft vieler Gruppen und Personen freuen. Ausserdem haben wir eine alte Tradition wieder aufnehmen und zwei Retraiten für Kinder anbieten können. Deren aktive Teilnahme und Lebendigkeithaben uns sehr gut getan!

Sehr dankbar sind wir für unsere geistliche Familie! Mit den «Dienerinnen der Einheit» (DE), den «Ehepaaren der Einheit» und mit dem «Drittorden der Einheit» (DOE) versuchen wir, das Gemeinsame und die Unterschiedlichkeit unserer Berufungen zu leben. Der Drittorden wächst weiter, fünf Mitglieder haben sich in diesem Jahr verbindlich engagiert, und die Gruppe im Benin ist eine grosse Bereicherung. Im Frühjahr 2006 wird es zu seinem 50jährigen Bestehen einen Festtag für alle, die uns freundschaftlich verbunden sind, geben. Diese Verbundenheit spürten wir auch nach dem Tod von Frère Roger, diesem für die Gemeinschaft von Taizé und für ihren neuen Prior, Frère Alois, so einschneidenden Ereignis, und sie hat uns sehr berührt. Auch haben viele von Ihnen uns und Sr Judith monatelang unterstützt, während sie auf ihre Lebertransplantation wartete. Zu dieser heiklen Operation kam es dann Anfang September, und sie ist gut verlaufen. Das erfüllt uns mit Dankbarkeit, und wir sagen Ihnen allen von Herzen Dank für Ihre Gebete. Die Stärke einer Gemeinschaft geht über das Sichtbare hinaus: dankbar denken wir an alles, was wir von Tomoko Faerber Evdokimov empfangen haben, von Pfarrer Maurice Ray, Professor Jean- ouis Leuba, Sr Hetty de Beaufort (DE), Andrée de Vries und Renée Sturm von DOE… Sie alle sind, wie viele andere, zum Vater heimgekehrt.

Sr Anne-Emmanuelle bereitet sich auf dieneunte ÖRK-Vollversammlung vor, die in Porto Alegre stattfinden wird. Sie steht unter dem Thema «In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt». Mögen wir bereit sein, Den zu empfangen, der in uns wohnen und uns durch die Kraft Seiner Liebe und Seines Friedens verwandeln will! Ihnen allen frohe Weihnachten und ein Neues Jahr voller Leben im Empfangen und Teilen!

Die Schwestern von Grandchamp


 

 

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