|
|
|
Einander begegnen...
Am Abend des 16.
August tat sich vor Frère Roger die Ewigkeit Gottes auf.
Die Nachricht von seinem brutalen Tod hat uns
erschüttert und ist ebenso unbegreiflich wie das Sterben
anderer Märtyrer unserer Zeit. Wir verdanken ihm
unendlich viel für unsere Berufung als Schwestern von
Grandchamp. Sein Lebenszeugnis erhält jetzt noch mehr
Leuchtkraft. Er wollte für alle dasein, und oft zitierte
er die Worte Isaak des Syrers: «Gott kann nur seine
Liebe schenken.» Bis in den Tod wird er ein Zeuge des
grenzenlosen Mitleidens Gottes mit der Welt und für
jeden Menschen ohne Ausnahme gewesen sein, Zeuge einer
ungeschützten Liebe, eines um Christi und des
Evangeliums willen hingegebenen Lebens. «Jesus ist nicht
gekommen, irgendjemanden zu verurteilen, sondern um den
Menschen Wege zur Gemeinschaft zu eröffnen», wie er in
seinem letzten Brief «Eine Zukunft des Friedens»
schrieb.
Gott ist
Gemeinschaft, Beziehung. Und der Mensch, nach seinem
Ebenbild und ihm ähnlich
geschaffen, gedeiht nur in Beziehung, nur da blüht sein
|
Leben auf. Wir brauchen einander, um zu werden, was wir
zutiefst sind, Menschen der Gemeinschaft, verschieden
und doch einander verbunden. Also geht es darum, dass
wir lernen zusammenzuleben… Liegt darin nicht heute eine
der grossen Herausforderungen für unsere
kosmopolitischen, multikulturellen und von Gewalt
geprägten Gesellschaften, damit die Welt etwas
menschlicher werde? |
«Jesus
ist gekommen, um den Menschen Wege zur Gemeinschaft zu eröffnen»
Frère Roger |
Wir sind heutzutage zunehmend mit
dem Anderssein der anderen konfrontiert, anders nach
Herkunft, Kultur, Weltanschauung und Glaubensweise. Wie
können wir die Verschiedenheit leben, ohne dass die
Unterschiede zu Spaltungen, Ausgrenzungen oder
Machtmissbrauch führen?
Eine religiöse
Gemeinschaft kommt um diese Herausforderung nicht herum.
Genau da trifft uns Gottes Ruf, ein Gleichnis der Gemeinschaft
zu leben, die Unterschiede anzunehmen, anstatt sie zu
übergehen oder sie in einer
Illusion von Einheit aufzuheben. So versuchen wir,
sowohl der einzelnen Schwester als auch dem Leib, den
wir gemeinsam bilden,gerecht zu werden, indem wir
«Gemeinschaft und Anderssein» – das Thema unseres
letzten Schwesternrats – ins Gespräch miteinander
bringen. «Rabbi, warum sind die Menschen verschieden?»,
wurde ein Weiser gefragt.
Und der antwortete: «Weil sie alle nach dem Ebenbild
Gottes geschaffen sind».
An uns ist es,
uns der Sicht zu öffnen, die im anderen einen
Widerschein Gottes erkennt. Uns der Quelle zuwenden, um
unsere Vielfalt als einen Reichtum, Ausdruck der
schöpferischen Weisheit Gottes, zu erkennen. In der
Retraite beim Schwesternrat lud Frère François uns ein
zu danken:für
uns selbst, für die anderen,
für die Gemeinschaft
und einander
als Geschenk aus Gottes Hand zu empfangen.
Im Alltag bleibt
das allerdings eine echte Herausforderung. In jeder
unserer Lebensgeschichten gibt es Verletzungen, und das
Anderssein zieht uns zwar an, macht uns jedoch auch
Angst. Die anderen können als Bedrohung empfunden
werden, weil sich auf dem Grunde unseres Selbst die
Angst abzeichnet, nicht mehr zu existieren. Wir sind
dann versucht, uns zurückzuziehen oder im Gegenteil zu
dominieren und uns dabei auf die Unterschiede zu
berufen, um uns abzugrenzen. Es fällt uns schwer, die
Unterschiede zu akzeptieren. Sie stören und irritieren
uns, sie erschüttern uns in unseren Gewissheiten und in
unserer Art, zu handeln und zu denken.
Weil wir
versucht sind, nach dem Gleichen zu streben, müssen wir
immer neu lernen, miteinander zu reden, uns in unserem
Anderssein anzuhören, voneinander zu empfangen, uns
gegenseitig zu achten und mehr noch, einander in unserem
Anderssein zu lieben. Mitten in den Schwierigkeiten sind
wir immer neu gerufen, über Missverständnisse und
Gegensätze hinauszuwachsen, um uns jenseits davon auf
die Hingabe unserer selbst zuzubewegen, die uns auf
wirkliche Begegnung vorbereitet. Wie gelangen wir zu
wahrer menschlicher Gemeinschaft, fragt sich E. Leclerc
in
«Sonnenaufgang über Assisi».
Der Hl. Franziskus enthüllt ihm sein Geheimnis: Demut,
unbegrenzte Achtung vor einem jeden Lebewesen in seiner
Einzigartigkeit, vor allem Leben und vor der ganzen
Schöpfung. Man kann nicht den anderen offen begegnen und
zugleich die Natur beherrschen, sondern es geht darum,
mit allem, was ist, Freundschaft zu schliessen.
In Gott sind
Hoffung und Gemeinschaft, die
der Heilige
Geist in einer Vielfalt von
Gesichtern und Gaben entfaltet.
Jesus h at
uns durch sein Leben, sein Sterben und seine
Auferweckung den Weg dazu geöffnet. Auf Verachtung, Hass
und Gewalt hat er mit Liebe geantwortet. Tag für Tag
lädt er uns ein, seinen Spuren zu folgen, in das Leiden
einzuwilligen, das unvermeidlich zu unserem Dasein
dazugehört, um dadurch mit ihm zum Leben vorzustossen.
Er geht uns voraus im österlichen Licht und sendet uns
in der Kraft und Behutsamkeit des Heiligen Geistes
als Schwestern und Brüder in die Begegnung mit den
anderen, mit all’den
anderen, in denen er selbst uns erwartet.
s. Pierrette
Beim ersten
Gemeinschaftstreffen Anfang des Jahres hat uns ein
wichtiges Thema beschäftigt:
Christlicher Glaube angesichts der Herausforderungen
unserer Zeit
Im Anschluss an
dieses Treffen hier einige Gedanken von Sr Christianne,
die in WOUDSEND ihre schriftstellerische Arbeit
fortsetzt und mit Maria de Groot weiterhin Gruppen
empfängt:
«Der
Neoliberalismus und die Globalisierung, die unser
Zeitalter bestimmen, haben Auswirkungen auf den
Menschen. Karikiert ausgedrückt könnte man sagen, dass
wir in einem globalen Apartheidssystem leben. Diese
Situation bewirkt Traumata auf allen Ebenen der
Gesellschaft. Die Verlierer des Systems, die immer ärmer
werden, erleben, wie die «Gewinner» ihre Herrschaft
ausweiten und immer reicher werden. Unterdessen wird die
Mittelklasse durch die Angst, zu verlieren und
ihrerseits zu verarmen, immer ehrgeiziger und
individualistischer.Ausländer, Ausländerinnen,
Arbeitslose, Flüchtlinge, Menschen ohne festen Wohnsitz,
sie alle werden in dieser Welt zu Sündenböcken.
Man kann sich
der Situation gegenüber ohnmächtig fühlen, doch nichts
hindert uns daran, an den Traumata zu arbeiten. Ein
möglicher Weg kann sein, einer mystischen Sicht Gottes
und einer biblischen Sicht des Menschen neues Gewicht zu
verleihen. Der Gott, den wir bekennen, hat sich auf
einen Bundesschluss mit uns eingelassen, d.h. auf die
«Unmöglichkeit der Gleichgültigkeit». Gott hat sich frei
dazu entschieden, uns nötig zu haben. Sein «Mit-Sein»
mit der Schöpfung findet im Anteilnehmen an der Welt in
unserem Alltag seinen Ausdruck. Als Moses ihn bedrängte
zu sagen, wer er sei, antwortete er: « Ich werde sein,
der ich sein werde», was bedeuten kann: ich erfinde mich
in jeder Begegnung der Situation und den Bedürfnissen
meiner Geschöpfe entsprechend neu. Gott schlägt sich von
vornherein auf die Seite der Heimatlosen, seine
Identität ist die eines Umherziehenden! In dieser
Partnerschaft ist es Aufgabe auch des Menschen, durch
sein «Mit-Sein» zur messianischen Zeit beizutragen und
im absolutem Respekt vor den Unterschieden Neues zu
schaffen, ohne jemals zu vergessen, dass die anderen
wirklich anders sind, und dass das gut so ist!
Im Klima des
Neoliberalismus wird der Mensch letztlich zur Sache
gemacht. Innerhalb der Pyramide der Macht wird der
Mensch von oben herab beherrscht und in eine immer
materialistischere Welt eingezwängt. Dazu gehören:
Individualismus, Nützlichkeitsdenken, Rationalismus,
Bürokratie, Technokratie… und nicht zu vergessen Hetze,
Gewalt, Stress, Missachtung der anderen und die sich
ausbreitende Angst. Angesichts dieser Feststellung
benötigen wir eine Alternative, einen Ort für Dialog und
schöpferische Spannung. Vor allem kommt es darauf an,
den Menschen wieder an seinen rechten Platz zu stellen,
mit der Aufgabe, über seine Umwelt zu wachen und zu
ihrer Entwicklung im Sinne der Menschlichkeit
beizutragen, aus ihr eine für alle ohne Ausnahme
bewohnbare Welt zu machen, in der Gerechtigkeit und
Friedenherrschen.
In einer solchen
Perspektive können wir Christen als Menschen des Gebets,
des Engagements und des Widerstands betrachten. Bevor
sie agieren, werden sie innehalten, um die eigenen
Bedürfnisse und Wünsche, wie auch die der anderen,
besser zu erkennen. Der Macht gegenüber, die sie selbst
auf andere ausüben, werden sie wachsam sein, sie werden
anderen Raum geben, und sie werden Leistung und
Fruchtbarkeit ohne Furcht miteinander verbinden. Als
aufrechte Menschen sind sie Gott und auch den anderen
ein echtes Gegenüber. Sie bemühen sich um Beziehungen
ohne Machtgefälle, respektieren die Gleichwertigkeit von
Mann und Frau, von allen Rassen und Religionen. Bei der
Arbeit, in der Familie und im Umgang mit der Natur
handeln sie mit Mass und Achtung. Sie schämen sich
nicht, sich gegen die Angst zu schützen, stiften
Vertrauen, wo Misstrauen herrscht, Teilen anstelle von
Individualismus, Einbezogensein statt Ausgrenzung und
Kooperation anstelle von Wettkampf. Und angesichts der
zunehmenden Armut werden sie einen Geist der
Gemeinschaft und Netzwerke der Solidarität entwickeln.
So entsteht ein Geist des Widerstands, der Menschen
vereint, die für Veränderungen und ein Erneuern des
Lebens bereit sind. Sie werden entschlossen alternative
Wege einschlagen und Erstaunen, Freude, Einfachheit,
Dialog und Mitleiden neu für sich entdecken. Und indem
sie sich bemühen, das Warum und das Wie dessen zu
verstehen, was das heutige Zeitalter bestimmt, werden
sie erfahren, dass Denken und Lieben zusammengehören.
Dadurch werden
sie sich in dieser Welt wieder mehr zuhause fühlen und
sich auch an ihr freuen und sogar das Bedürfnis
verspüren, sie zu verschönern. Wir brauchen Sympathie
für diese Welt, denn sie ist das einzige, was wir alle
gemeinsam haben. Unsere Welt lieben und sie gern mit den
anderen teilen.»
Als Echo auf
unser Treffen im Februar hier Auszüge aus einem in der
ersten Ausgabe der neuen Zeitschrift für Anthropologie
und Spiritualität
La Chair
et le Souffle erschienenen
Artikel von M ichel-Maxime Egger :
Unsere Sehnsucht neu ausrichten, um die Welt zu
verändern
Die Menschheit
befindet sich an einem Scheideweg. Eine tiefgreifende
Antwort auf die grossen Herausforderungen unserer von
der globalisierten Marktwirtschaft geprägten Zeit
setzt ein Erwachen des Bewusstseins voraus. Wir
brauchen ein neues Menschen- und Weltbild, ein
Zusammenspiel von persönlicher Veränderung und
Umwandlung der Welt. Einer der Berührungspunkte
zwischen beiden ist das Verlangen. Dieses muss für den
Widerstand gegen die Vorherrschaft des Geldes eine
neue Ausrichtung bekommen.
Für die
Kirchenväter […] ist der Mensch von Grund auf ein Wesen
der Sehnsucht. Neben der Freiheit und der Schaffenskraft
ist die Sehnsucht eine wesentliche Komponente des Bildes
Gottes im Menschen. […] Das bedeutet, dass es im
Tiefsten unseres Wesens eine verlangende Kraft gibt,
welche die Quelle unseres Sehnens nach der Transzendenz
und nach dem Göttlichen ist. Sie lässt uns nach dem
streben, was uns übersteigt, nach dem Schönen und Guten,
nach Harmonie und nach einer gerechteren und
solidarischeren Welt. Die Kirchenväter gehen sogar so
weit zu behaupten, dass sich hinter jedem Verlangen,
auch dem scheinbar nur materiellen, in Wirklichkeit ein
unklares, oft nicht bewusstes Sehnen nach Gott verbirgt,
in dem sich wiederum die Sehnsucht Gottes nach uns
spiegelt. Deshalb sind unsere Wünsche von Natur aus
unendlich und unersättlich. Sie mit materiellen oder
sonstigen Gütern befriedigen oder durch psychische
Befriedigungen stillen zu wollen, ist nicht nur
illusorisch, sondern bewirkt auch, dass wir die ihnen
zugrundeliegende Energie in Leidenschaften umlenken und
Gefahr laufen, zu deren Gefangenen zu werden […]
Das alles haben
die Meister des Marketings begriffen, auch ohne die
Kirchenväter studiert zu haben. Wenn der Markt, wie es
Maurice Bellet formuliert, das Allerheiligste des
«Öko-Reiches» ist, des Reiches der Ökonomie, und das
Geld sein Sesam-öffne-dich, dann ist sein Motor - die
berühmte «unsichtbare Hand» von Adam Smith - nichts
anderes als das zunehmende «Lust-Verlangen». Darauf
beruht alles: auf der Lust zu erwerben und zu
besitzen.[…] Daher die enorme Faszination des Geldes,
welches Genuss, Befriedigung und Machtverspricht, sowie
die Aufhebung der Grenzen für das Verlangen.
Grenzenloses Mittel für grenzenlose Wünsche. Es
verschafft das Vergnügen, alles, ja sogar Menschen,
kaufen zu können, und das auch auf den ehrbaren Wegen
von Grosszügigkeit und Leistung.
So ist das
Lust-Verlangen die zur Leidenschaft degradierte
Sehnsucht, deren Energie durch die Werbung in ihrer
ursprünglichen Zielsetzung und Ausrichtung irregeleitet
ist. Die Werbung, der eigentliche Motor unserer
Wachstumswirtschaft, dient zu nichts anderem als dazu,
unsere Wünsche in Begierden umzuwandeln, die den
brutalen Zwang des «ich will das, und zwar sofort»
ausüben. Sie lässt uns jene für Bedürfnisse halten und
passt sie so völlig an die Logik des Marktes an. […] Die
Werbung ist eine grossartige Maschinerie zur dauernden
Anregung von Lust und Frust, die sich gegenseitig
verstärken. Und sie stiftet eine unbeschreibliche
Verwirrung zwischen Bedürfnissen und Wünschen. […]
Die USA und die
Länder der Europäischen Union geben jährlich mehr
als 500 Milliarden Dollar für Werbung aus. Zehnmal so
viel wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
(UNDP) zufolge benötigt würde, um die Grundbedürfnisse
(Bildung, Ernährung, Zugang zum Wasser…) für alle
Menschen befriedigen zu können. Die Zahl spricht für
sich. Sie illustriert den Ausspruch Gandhis: «Es gibt
auf unserem Planeten genügend Mittel, um die Bedürfnisse
aller zu befriedigen, nicht jedoch für die
Begehrlichkeit und das Besitzstreben aller.» Anders
ausgedrückt, die Armut in der Welt ist in Wirklichkeit
nicht ein Problem des Mangels an finanziellen oder
materiellen Mitteln, sondern die Folge einer künstlichen
Knappheit, die mit der schlechten Verteilung der
Ressourcen zusammenhängt. Das liegt nicht nur an
politischen Optionen und Strategien der Umverteilung auf
nationaler und internationaler Ebene, sondern auch am
Konsumverhalten und individuellen Lebensstil, also
letztlich daran, wie wir mit unseren Wünschen umgehen.
Was wird im
«Öko-Reich» aus der Kraft unseres Verlangens? Wie gehen
wir damit um? Es ist kein unabwendbares Schicksal, dass
Sehnsucht zu Begierde und Leidenschaft verkommt, denn
als Menschen haben wir die Freiheit und den Willen zu
einem sinnvollen Umgang mit unseren Wünschen, indem wir
uns dem Wirken der Gnade öffnen. Genau da wird sich
Wesentliches für den Widerstand gegen die
«Öko-Herrschaft» und die erpresserische Rolle der
Werbung abspielen. […]
Verstehen wir
uns recht! Es geht nicht darum, unsere Wünsche zu
verdrängen oder zu unterdrücken, sondern sie
umzuwandeln, ja, sie wieder zu sammeln und sie von dem
zu befreien, was sie gefangen und zerstreut hält. Ziel
ist, sie wieder mit ihrer ursprünglichen Quelle in
Verbindung zu bringen und auf ihre tiefste Bestimmung
hin auszurichten, wo sie sich Gottes Absicht gemäss
entfalten können. Das Problem liegt in Wirklichkeit
nicht darin, dass wir zu viel wünschen, sondern dass wir
falsch wünschen, weil wir das «Viel-Haben» für die
«Fülle des Seins» halten.
Tag für Tag…
Verschiedenheit
und Gemeinsamkeit, Gemeinschaft und Anderssein im
Alltag leben, in jeder kleinen Begegnung mit den
Allernächsten, mit der Schwester neben mir, mit allen
unseren Brüdern und Schwestern… Ja, die
Herausforderung ist gross und spannend, und sie
erspart uns weder Spannungen, noch gelegentliche
Konflikte und Leiden… Den anderen oder die andere, mit
denen ich die Zerbrechlichkeit und Schönheit des
Menschseins teile, in ihrem Anderssein annehmen
undmich in die Begegnung rufen lassen…
Unser
Gemeinschaftstreffen im Februar war überschattet durch
die Leiden, die der Tsunami mit sich gebracht hatte, und
zugleich waren wir berührt von der durch ihn ausgelösten
grossen Solidarität. Durch drei Vorträge bereicherten
uns Ulrich Duchrow, der – ausgehend von Hesekiel 2,1 «Du
Menschenkind, steh’ auf!» und von den ersten Kapiteln
des Buches Genesis – seine Überlegungen in Bezug auf die
Globalisierung mit uns teilte, Maxime Egger mit einem
Referat über «Persönliche Veränderung und Umwandlung der
Welt» und Sr Siong mit einem sehr persönlichen Vortrag
über «Die Herausforderungen des Multikulturellen und
-religiösen angesichts der Globalisierung».
Unser
Schwesternrat im Sommer war eine intensive Zeit von
Retraite, Austausch und Feiern…: mit der Feier der
Profess von Sr Hannah, mit den 50 Jahren Profess von Sr
Renée und Sr Albertine, – den ersten Schwestern, die
dieses schöne Jubiläum erreicht haben – und am 6. August
im Licht des Verklärungsfestes mit der 50-Jahrfeier
unserer Präsenz in Algerien, zu der wir langjährige
Freunde eingeladen hatten: Nelly Forget, Jacqueline und
Ali Tadjer, Eliette Rodriguez, Miassa, Lallia… Sr Renée
und Sr Anne-Geneviève sind Anfang September nach ALGIER
zurückgekehrt, um in diesem vom Islam geprägten Umfeld
ihre ganz schlichte Präsenz in einem Alltag wieder
aufzunehmen, der in sehr unterschiedlichen Begegnungen
besteht, wo es darum geht, das Geheimnis der anderen zu
entdecken. Sr Pierrette konnte dies bei ihrem Aufenthalt
dort im Frühjahr unmittelbar erleben.
Einander
annehmen in gegenseitiger Achtung vor dem Geheimnis des
anderen, darum geht es auch für die Schwestern in STE
ELISABETH in Israel. Dorthin ist Sr Maatje nach einem
Jahr in Grandchamp mit Sr Claire- rène zurückgekehrt und
für ein paar Monate auch Sr Françoise. Die Ereignisse im
Land prägen sie sehr. Sie brauchen ein armes und
verwundbares Herz, um inmitten von Ungewissheit,
Unsicherheit und Gewalt in der Fürbitte für beide Völker
durchzuhalten. Der Tod von Père Jean-Baptiste von Abu
Gosh hat sie und uns erschüttert. Er hinterlässt eine
grosse Lücke in seiner Gemeinschaft, in der Kirche von
Jerusalem und in unseren Herzen. Er war uns ein Bruder
und hat etliche von uns auf ihrem Weg begleitet.
Viel Veränderung
auch auf dem SONNENHOF! Sr Thérèse ist nach Grandchamp
zurückgekehrt und hat die Leitung des Hauses an Sr
Dorothea abgegeben, die von der aus Israel
zurückgekehrten Sr Hiltje unterstützt wird! Auch Sr Ruth
ist wieder in Grandchamp, während sich Sr Miriam der
Gruppe auf dem Sonnenhof angeschlossen hat. Das Jubiläum
von 2004 wirkt noch nach, und bei aller Bewegung gibt es
zugleich eine Kontinuität und eine Vertiefung in der
Berufung.
Von CHALENCON
und der Ardèche nahmen wir dankbar und schweren Herzens
Ende April Abschied. Vertreter der Reformierten Kirche
Frankreichs, zahlreiche Freundinnen, Freunde und
Nachbarn kamen, um ihre Dankbarkeit, ihre Freundschaft
und auch ihr Bedauern auszusprechen. Eine starke
Verindung bleibt auch mit Rompon. An diesem Ort der
Musik und Spiritualität gab Jeanne Bovet im Herbst das
letzte Konzert der Saison, an dem sich Sr Pierrette
erfreuen konnte. Unser Weggehen vom «Home de Grâce»
fällt uns jedoch ebenso schwer wie die Tatsache, dass
wir momentan auch andere Anfragen für Niederlassungen
nicht positiv beantworten können. Wir möchten versuchen,
unsere jetzige Realität anzunehmen und uns darin für das
Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen, auch in der Suche
nach neuen Formen des Austauschs.
So konnten wir
immerhin die Einladung der lutherischen Bischöfin Bärbel
Wartenberg-Potter annehmen, in Ratzeburg eine einwöchige
Retraite zu halten. Sr Christel hat diese Retraite
begleitet, an der etwa 20 Pfarrerinnen und Pfarrer
teilnahmen. Sr Minke und Sr Pierrette sind im Laufe der
Woche dazugestossen. Eine bereichernde Erfahrung, die im
kommenden Jahr eine Fortsetzung finden soll!
Von den vielen
Aufträgen und Begegnungen hier ein paar Beispiele: Sr
Dorothea hat an einem internationalen
konfessionsübergreifenden Kongress von Ordensleuten bei
den Diakonissen in Riehen teilgenommen, Sr Maatje an der
Begegnung von Church and Peace in Selbitz, Sr Pascale an
einem französischen Kommunitätentreffen in Pomeyrol und
Sr Françoise an verschiedenen Begegnungen zum
interreligiösen Dialog. Sr Hélène unterstützte erneut
eine Woche lang beim europäischen Parlament in Brüssel
eine ökumenische Gebetspräsenz, und Sr Minke hielt
Vorträge und Retraiten in Frankreich, Belgien und den
Niederlanden.
In unseren
Kontakten mit den verschiedensten Gemeinschaften
erfreuen wir uns immer neu an der starken Verbundenheit
und grossen Vielfalt. Zahlreiche Kleine Schwestern Jesu
aus verschiedenen Fraternitäten waren für kürzere oder
längere Zeit bei uns: Für mehrere Wochen Kl. Sr Bushra
aus Beit Jala, Kl. Sr Virginia aus Algerien und Kl. Sr
Juana aus Spanien, die sehr hofft, dass einmal eine
Grandchampschwester nach Spanien kommt und das Gebet und
die Arbeit bei der Spargelernte mit ihnen teilt. Dass
wir einander brauchen, das erleben wir immer mehr auch
mit den kontemplativen Gemeinschaften der Französichen
Schweiz. So gab es einen gemeinsamen Tag der für
Liturgie und Gesang zuständigen Schwestern, einen
anderen für diejenigen, denen der Gästeempfang
anvertraut ist, und einen weiteren zur Lectio Divina.
Nicht zu vergessen die schöne 750-Jahrfeier der Abtei
«La Maigrauge», einen Tag nach der Wahl von Benedikt
XVI. Über dieses Ereignis konnten wir uns kurze Zeit
darauf bei einer bereichernden und offenen Begegnung mit
dem Bischofsvikar Jean-Jacques Martin von Neuchâtel
austauschen.
Enge Beziehungen
pflegen wir weiterhin zu den Schwestern von Mamre in
Madagaskar. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt von Sr
Josephinewar im Sommer auch noch Sr Angéline bei uns.
Pfarrer Jean- Louis L'Eplattenier verbrachte erneut eine
Zeit in Mamre, und Sr Siong konnte drei der Schwestern
in ihrer Retraite zur Vorbereitung auf die Profess
begleiten und dann im November bei der Feier zu diesem
Anlass die Freude der Gemeinschaft teilen.
Der Gästeempfang
beansprucht uns sehr und öffnet uns zugleich für ganz
unerwartete Begegnungen. Mit immer neuem Staunen
entdecken wir, wie andere ihre Beziehung zu Gott leben
und auf welche Weise Gott ihnen begegnet. Im Laufe der
Monate konnten wir uns einerseits an vielen neuen
Gesichtern und andererseits an der Treue und
Freundschaft vieler Gruppen und Personen freuen.
Ausserdem haben wir eine alte Tradition wieder aufnehmen
und zwei Retraiten für Kinder anbieten können. Deren
aktive Teilnahme und Lebendigkeithaben uns sehr gut
getan!
Sehr dankbar
sind wir für unsere geistliche Familie! Mit den
«Dienerinnen der Einheit» (DE), den «Ehepaaren der
Einheit» und mit dem «Drittorden der Einheit» (DOE)
versuchen wir, das Gemeinsame und die
Unterschiedlichkeit unserer Berufungen zu leben. Der
Drittorden wächst weiter, fünf Mitglieder haben sich in
diesem Jahr verbindlich engagiert, und die Gruppe im
Benin ist eine grosse Bereicherung. Im Frühjahr 2006
wird es zu seinem 50jährigen Bestehen einen Festtag für
alle, die uns freundschaftlich verbunden sind, geben.
Diese Verbundenheit spürten wir auch nach dem Tod von
Frère Roger, diesem für die Gemeinschaft von Taizé und
für ihren neuen Prior, Frère Alois, so einschneidenden
Ereignis, und sie hat uns sehr berührt. Auch haben viele
von Ihnen uns und Sr Judith monatelang unterstützt,
während sie auf ihre Lebertransplantation wartete. Zu
dieser heiklen Operation kam es dann Anfang September,
und sie ist gut verlaufen. Das erfüllt uns mit
Dankbarkeit, und wir sagen Ihnen allen von Herzen Dank
für Ihre Gebete. Die Stärke einer Gemeinschaft geht über
das Sichtbare hinaus: dankbar denken wir an alles, was
wir von Tomoko Faerber Evdokimov empfangen haben, von
Pfarrer Maurice Ray, Professor Jean- ouis Leuba, Sr
Hetty de Beaufort (DE), Andrée de Vries und Renée Sturm
von DOE… Sie alle sind, wie viele andere, zum Vater
heimgekehrt.
Sr
Anne-Emmanuelle bereitet sich auf dieneunte
ÖRK-Vollversammlung vor, die in Porto Alegre stattfinden
wird. Sie steht unter dem Thema «In deiner Gnade, Gott,
verwandle die Welt». Mögen wir bereit sein, Den zu
empfangen, der in uns wohnen und uns durch die Kraft
Seiner Liebe und Seines Friedens verwandeln will! Ihnen
allen frohe Weihnachten und ein Neues Jahr voller Leben
im Empfangen und Teilen!
Die Schwestern von Grandchamp
|
|